CREATION

Forschung · Werkstudie

19. Hermetica – vom spätantiken Textkorpus zum Renaissance-Mythos uralter Weisheit

CREATION Forschungsbibliothek V11 · Kapitel 19. Hermetica – vom spätantiken Textkorpus zum Renaissance-Mythos uralter Weisheit

Der „Corpus Hermeticum“ besteht aus einer Sammlung griechischer Traktate, die moderne Forschung überwiegend in die ersten Jahrhunderte n. Chr., besonders das 2.–3. Jahrhundert, datiert und mit dem kulturellen Milieu des römischen Ägypten verbindet. Die Texte inszenieren Hermes Trismegistos als Lehrer göttlicher Erkenntnis und behandeln Geist, Kosmos, Gott, Mensch, Wiedergeburt und Erkenntnis. In der Renaissance wurden sie jedoch wesentlich älter eingeschätzt und als Zeugnis einer vorsintflutlichen bzw. mosaisch-ägyptischen Urweisheit gelesen.

Marsilio Ficinos lateinische Übersetzung im 15. Jahrhundert war ein entscheidender Rezeptionsmoment. Zusammen mit platonischer und später kabbalistischer Renaissancegelehrsamkeit entstand die Vorstellung einer „prisca theologia“: verschiedener alter Weiser, die Fragmente einer gemeinsamen Ur-Offenbarung bewahrten. Diese historische Fehldatierung war produktiv – sie förderte eine ganze Tradition gelehrter Magie. Für die Matrix ist das ein Musterbeispiel dafür, wie eine falsche historische Annahme trotzdem enorme reale Wirkungsgeschichte erzeugen kann.

Quelle / Kontrolle: Cambridge-Forschung zum Corpus Hermeticum: 17 griechische Traktate, überwiegend 2.–3. Jh. n. Chr.; Renaissance-Rezeption über Ficinos Übersetzung um 1460. Fachhistorische Datierung steht gegen frühneuzeitliche Vorstellung extrem hohen Alters.

Autoren

Hermes TrismegistosMarsilio FicinoPlaton

Verwandte Begriffe

Erkenntnis
Diese Forschungsnotiz ist keine kritische Ausgabe eines historischen Volltexts. Aussagen erfordern Prüfung der jeweiligen Quelle.